Ladengasse
Am Ende eines Jahrhunderts zurückzublicken ist nichts Ungewöhnliches. So begann das Museum seit dem Jahr 2000 mit dem Aufbau einer Präsentation verschiedener Gewerbe und Handwerke, die sich vor allem im ländlichen Bereich erst im Verlauf der vergangenen 100 Jahre etabliert haben. Bei dieser „Ladengasse“ handelt es sich um eine Sequenz von insgesamt 12 Geschäften und und kleinen Gewerbeläden, die den Besuchern in ihrer gassenförmigen Aneinanderreihung Einblicke durch ihre Fenster und Türen ermöglichen.

Diese Geschäfte und Gewerbe zeichnen sich dadurch aus, dass sie entweder im 20. Jahrhundert von ganz besonderer Bedeutung waren oder aber dem Strukturwandel der Arbeitswelt durch neue Technologien Rechnung tragen mußten und in ihrer kleinbetrieblichen Form nicht überlebensfähig waren. Gewerbliche und handwerkliche Kleinbetriebe wie Schuhmacherei, Polstererei, Schleiferei und Küferbetrieb können heute nur noch im Museum von ihrer früheren Bedeutung zeugen. Auch das Schneider- und Hut- oder Putzmachergewerbe wird heutzutage fabrikmäßig betrieben.

Von Bedeutung im letzten Jahrhundert für die Versorgung mit Nahrung wurden die Metzgerei und der Lebensmittelladen, im Gesundheitsbereich der Arzt (Zahnarzt) und die Apotheke. In technischer Hinsicht gilt dies auch für den Uhrmacher und Fotografen.

Ansprache des Museumsleiters Dr. U. Haas zur Eröffnung der Ausstellung am 17.11.2002:_
Eröffnung der "Ladengasse" im Freilichtmuseum Roscheider Hof am 17.11.2002: Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Freunde unseres Museums, seien Sie uns alle herzlich willkommen zur Eröffnung unserer neuen Dauerausstellung!

Eines Tages fiel mir beim Durchschreiten dieser Ladengasse das Märchen vom Dornröschen ein, das nach hundertjährigem Schlaf, in den sie, ihre Eltern und der ganze Hofstaat gefallen waren, von einem schönen jungen Königssohn durch einen Kuß zu neuem Leben erweckt wurde. Der Roscheider Hof ist zwar kein Schloß und seine Mauern sind auch nicht mit Dornen überwachsen, sondern mit Efeu und wildem Wein, aber auch hier scheint, wenn auch nicht an einem Tag wie heute die Zeit still zu stehen. Dabei gibt es ja auch heute noch Prinzessinnen, nur kaum noch echte Prinzen. An deren Stelle sind in unserer Zeit der Landrat und die Bürgermeister getreten, die die Prinzessinnen küssen, woraufhin diese dann den guten Wein unserer Gegend preisen. Daher begrüße ich auch besonders herzlich Herrn Landrat Dr. Groß und die seinerzeit im obigen Sinne auch sehr aktiv gewesenen Bürgermeister in Ruhe, Herrn Michael Kutscheid und Herrn Hermann Hendricks, und ebenso unseren amtierenden Bürgermeister, Herrn Winfried Manns.

Wenn wir noch im Märchen wären, könnte unser Bürgermeister vielleicht in unsere Apotheke gehen und dort eine Arznei gegen den kränkelnden städtischen Haushalt kaufen. Aber dann würden bald viele Bürgermeisterkollegen hier auftauchen und gar die Finanzminister aus aller Herren Länder, in Konz würden die Nobelhotels wie Pilze aus dem Boden schießen, Konz würde ein Fremdenverkehrs. Nun, die Wirklichkeit sieht anders aus, aber wir hoffen natürlich, auch mit unserer heute eröffneten Ladengasse noch mehr Besucher in unserem Museum begrüßen zu können und so auch etwas für die Förderung des Fremdenverkehrs zu tun.

Der Gedanke an diese Ladengasse, in der Gewerbe aus verschiedenen Jahrzehnten des vergangenen Jahrhunderts zu betrachten sind, kam uns durch einige großzügige Schenkungen, so die der Polsterei, in der noch mit richtigem Roßhaaar gearbeitet wurde, oder der Uhrmacherei, die Konglomerate verschiedener alter Uhrmachergeschäfte enthält. Die Metzgerei entstand vor ziemlich genau 100 Jahren in Trier, nahe dem Herz-Jesu-Krankenhaus, die Schneiderstube hat unsere Frau Heit aus verschiedenen Sammlungskomplexen zusammengesetzt, und sie beherbergt auch die Kurbelstickerei einer über 90 Jahre alten Dame aus Trier, die damit bis vor wenigen Jahren ihren Lebens­unterhalt bestritt. In der Putzmacherei sieht man die unzähligen Kurzwarenartikel, die früher noch in jedem größeren Ort zu kaufen waren, und die vielen Hutformen, die wir der Konzer Familie verdanken.

Die Apotheke gegenüber der Metzgerei erinnert an die Zeit, als Pillen, Pülverchen und Salben vom Apotheker und seinen Helfern noch selbst hergestellt wurden. Vieles von dem, was man dort sieht, verdanken wir der Rührigkeit von Frau Waagmeester und freundlichen Apothekern im Umkreis, so den Herren Lichtenberg und Mackenberg. Eine Besonderheit stellt auch der Bäckerladen dar, den wir Frau Ostermann aus Trier verdanken. Er wird heute noch einmal dafür sorgen, daß Sie hier alle frisch gebackenes Brot oder Kuchen bekommen können, wozu wir Sie gern einladen. Der Schuster nebenan ist die komplette Übertragung einer Werkstatt aus Trier.

Man kann dort nicht nur das ganze Inventar eines Schumachers betrachten, sondern anhand der vielen Bildern an den Wänden seine wohl, unerfüllt gebliebenen Reiseträume in alle Welt nachempfinden. Noch nicht so ganz fertig ist der Fotoladen, wo wir einmal Museumsbesucher vor klassischer Kulisse und in der Kleidung von ehedem abkonterfeien wollen. Dafür kann aber der Zahnarzt noch voll in Funktion treten. Im ältere Behandlungsstuhl haben sicher viele Konzer die zahnärztliche Kunst vergangener Jahrzehnte erdulden müssen, den neueren verdanken wir Herrn Dr. Brandstätter aus Trier, der, da er hier ist und der Bohrer noch funktioniert, bei Bedarf gleich zurBehandlung schreiten könnte.

Die beiden letzten Räume sind Gewerben gewidmet, die für unsere Gegen sehr typisch waren, der Küferei und der Fertigung von Weinbergsscheren. Die Küferei ist eine Zusammenstellung aus Sammlungsbeständen des Museums, während es sich bei der Messerschmiede und Schleiferei um Teile der originalen Werkstatt von Toni Reis aus Schweich handelt . Meine Damen und Herren, mit dieser Ladengasse als Dauerausstellung ist das, was wir Museumsleute den oberen Rundgang nennen, fertiggestellt. Ich glaube, man kann verstehen, daß die Installation der einzelnen Räume allen Beteiligten und Mitarbeitern, denen ich hiermit ebenso herzlich danken möchte, viel Spaß gemacht hat. Zugleich möchte ich aber auch allen genannten und noch vielen weiteren Freunden und Förderern, die uns Gegenstände für diese Ausstellung zur Verfügung gestellt haben, herzlich danken.

Ich hoffe, daß diese Ladengasse unsere Besuchern anspricht, den älteren die Freude des Wiedersehens beschert, den jüngere zur Information über einige Aspekte des früheren Lebens dient und insgesamt die Attraktivität unseres Museums weiter steigert.

Anmerkung 2008:
Die Küferwerkstatt ist in das neue Wald und Holzmuseum umgezogen. An ihrer Stelle wird eine Zinngießerwerkstatt gezeigt, die komplett vom Museum erworben werden konnte (s. Video unten).

Videos:


Der Nürnberger Zinngießer Heinrich Harrer eröffnet seine in das Freilichtmuseum Roscheider Hof, Konz übertragene Werkstatt.

 


Helmut Leiendecker: Schnaeaegen - Schnecken (Trierisch).

 


Josef Peil: Brutsch, Beim Zahndokter (Pleizenhausener Mundart)

 


Horst Hohl; Lippert's Josef, Geschichte eines Händlers im Hunsrück (Kastellauner Mundart)